When you find yourself in a hole, stop digging

Amiright? AMIRIGHT??? Tja, aber wenn das nun so einfach wäre. Ich hab da kein Händchen für, ich grabe mit Begeisterung weiter an dem Loch herum. So lange, bis ich kein Tageslicht mehr sehe. Gut, Begeisterung ist übertrieben – nennen wir es lieber: Besessenheit. Eine halb verheilte Wunde, die schon puckert vom dran herumpulen, aber Du kannst einfach nicht aufhören, und irgendwann blutet es dann doch und vernarbt ganz hässlich.

An dunklen Tagen brauche ich eigentlich einen Exorzisten (der Gedanke sagt mir spontan zu, ich hätte wirklich SEHR gern einen Exorzisten, aber meine Krankenkasse wird keinen zahlen wollen).  Weiterlesen

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Kaleidoskop, Einstellung 1812.

Bis zu den Knien im Morast, und dann so: schlerf, das eine Bein rausziehen, und: schlerrrfff, das andere. Und dann merken, scheiße, so funktioniert das nicht. Dauernd hängt mir was am Bein, zieht mir die Mundwinkel runter und das Herz in die Magengrube. Verdammter Dezember, der. All die Menschen sollen echt weggehen, ja, weg. Oder wenigstens nicht glotzen. Der Blick, meiner, ist wieder so wund geworden und kann nichts Schönes betrachten, ohne dass es schmerzt.

Das klingt irgendwie schlimm, aber es ist möglich, sich an solche Wüsten zu gewöhnen, sofern man denn nicht drin verreckt. Weiterlesen

Alle Jahre wieder.

Ich mag den Advent. Das behaupte ich jedes Jahr und glaube mir. Die Gerüche, die Geschmäcker, die Gemütlichkeit. Kirchenglocken läuten ihre Versprechen in die Dunkelheit. Die Hoffnung auf den ersten Schnee, auf dass er die Wunden der Stadt mit Licht verhüllen möge. Ende November habe ich eine Liste im Kopf: Yogastunden, Plätzchenrezepte, freundschaftliche Einkaufsbummel, karitativer Weihnachtsmarkt und Strick und katerfreier Glühweingenuss, das will ich alles. Dezember ist ein Lichtermeer, steht in einem Kinderbuch meiner Tochter, und ich nicke begeistert und sage, ja genau. Dann wird alles ganz anders. Komisch, dass mich das alle Jahre wieder überrascht.

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Behandler: Der Gläubige

Der Gläubige hat seine Praxis nah bei meiner Wohnung. Das ist gut, weil ich dann im Notfall schnell nach Hause rennen kann (ja, im Wortsinn). Schnell nach Hause zu rennen, ist meine geheime Superkraft in diesen Tagen. Alle Orte, von denen aus ich nicht nach Hause rennen kann, besuche ich nicht. Oder nur unter allergrößter Anstrengung. Jedenfalls ist der Gläubige ein Facharzt für Psychiatrie und soll mir bei der Feinjustierung des Medikaments helfen, das mir der Hausarzt in einem Anfall von Übermut verschrieben hat. Bevor jemand denkt, es ginge jetzt irgendwie um Gott – es geht nicht um Gott, aber dazu gleich.

Der Empfangsbereich der Gläubigenpraxis dient ganz offensichtlich dazu, Patientinnen Demut einzuflößen. Der Tresen ist auf eine subtile Weise zu hoch. Gerade so hoch, dass ein normal großer Mensch gullivermäßige Gefühle bekommt, aber nicht erklären kann, wieso. Dahinter sitzen zwei Mitarbeiterinnen, ebenfalls leicht erhöht. Hier wird ein architektonisches Machtgefälle geschaffen. Eine Trutzburg sei unsere Rezeption, wird der Gläubige beim Einzug mit kippender Stimme gerufen haben.  Weiterlesen

Take these broken wings

Der Mann im Fernsehen sagt, eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist total wichtig. Soll jeder haben. Kann dramatisch ausgehen, wenn nicht. Der Mann ist von der Stiftung Finanztest und muss es ja wissen. Mir macht das sofort schlechte Laune. Denn ich bekomme so eine Versicherung nicht, jetzt nicht und überhaupt niemals.

Weil ich Diagnosen habe, reichlich. Ich habe F33.1 und F34.1 und F34.8 und Z73 und F60.31 und noch eine Handvoll mehr. Keine Versicherung, die noch alle Latten am Zaun hat, versichert mich gegen Berufsunfähigkeit, wenn diese Diagnosen zutreffen. Blöd ist nur: Sie treffen nicht zu. Weiterlesen

Kaleidoskop, Einstellung 1011

Ich will kein Opfer mehr sein. Der Umstände, der Prägung, des Körpers. Dass ich eins bin, wurde mir beim Telefonat mit meiner Großmutter klar. Die ist seit Jahrzehnten in Schonhaltung. Immer unter Vorbehalt, Handbremse anziehen, bloß nicht das Leben mit seinen Begleiterscheinungen zulassen. Geh nicht die Treppe runter, Kind, die ist so glatt! Pass auf an der Straße, Kind! Draußen ist es zu heiß, Kind! Die Welt ist gefährlich, Kind! Um Gottes Willen, Kind!

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Doch, ja.

Ich existiere. Besser sogar, ich lebe ein bisschen mein Leben. Manchmal geht das besser, und dann wieder eher mies, aber das Nichts ist derzeit an den Rand meines Sichtfelds gerückt. Ich weiß, dass es da ist. Wahrscheinlich wartet es, bis ich mal wieder ganz blöd stolpere über einen Menschen oder ein Glas Wein.

Solange es da hinten herumlungert, könnte ich mich ja entspannen. Ich kann mich aber nicht entspannen. Ein Auge blickt immer über die Schulter. Damit ich sehe, wenn es sich nähert, und sofort die Tageslichtlampe einschalten oder sehr viele Fantasybücher kaufen kann. Ich möchte es eigentlich nicht sagen, aber Harry Potter hat mir einmal eine superbeschissene Phase unterbrochen. Ich las alle Bände, ich es damals gab (1-4) am Stück und fühlte mich währenddessen ziemlich gut. Danach dann wieder das Nichts, aber hey. Die Pause war schön.