Behandler: Der 68er.

Der 68er ist mir erst ziemlich sympathisch. Er raucht im Sprechzimmer und bietet mir immer eine an. Gelegentlich greift er zu seiner schrammeligen Akustikgitarre, während wir über seine Hunde und seine Frau reden. Er spielt nie auf der Gitarre, sondern hält sie auf dem Schoß wie eine Katze. Wahrscheinlich kann er gar nicht Gitarre spielen. Medikamente verschreibt der 68er mit lockerer Hand; was ich denn gerne hätte, will er wissen, und schnoddert nebenbei das gewünschte Rezept hin. Ob und wie ich pharmazeutisch versorgt werde, findet er nicht so wichtig. Zum Glück bin ich zu feige, um von meinem gewohnten Präparat abzuweichen, eine biochemische Entgleisung bleibt mir also vorerst erspart. Fun Fact: Nebenbei betreut der 68er die örtlichen Junkies während ihrer Methadontherapie.

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Kaleidoskop, Einstellung 1212

Da ist ein Moor in mir drin. Die Wolken haben sich zum Sterben auf den Boden gelegt und die Welt verschluckt. Bei jedem Schritt, den ich gehe, drücke ich dunkles Wasser aus dem Boden. Gluckern. Sonst ist es still. Niemand hier, nur ich. Manchmal muss ich stehenbleiben und ausruhen. Ich weiß nicht wovon, und ich schöpfe dabei keine Kraft. Und immer wieder stecke ich fest bis zu den Knien, den Oberschenkel, den Schultern. Bis zum Hals habe ich schon festgesteckt, und da dachte ich: Das war’s jetzt.

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Führungskraft, halt ohne die Kraft.

Immer wieder lustig, wie andere Leute überhaupt nicht die Enormität* meiner Macke bemerken. Die fahren einfach damit fort, mir Aufträge anzutragen. Und Festanstellungen. Festanstellungen, ey! Wenn die wüssten, wenn sie sich da ins Haus holen. Eine, die Notfallvalium in der Handtasche trägt, paniert in Tabakkrümeln und Lippenbalsam, aber durchaus noch essbar. Eine, die drei Tage lang den funkelnden Pausenclown gibt, um dann für unbestimmte Zeit katatonisch unter dem Schreibtisch zu kauern. Eine, die vor großen Präsentationen in die Mülleimer multinationaler Mischkonzerne kotzt.**

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Kaleidoskop, Einstellung 1301

Ein 1000-Teile-Puzzle, das bin ich. Lese den Melle und den Herrndorf, stehe immer wieder auf, laufe todtraurig durch die Wohnung, lese weiter, denke: Wie darfst Du es wagen, zu wollen? Du kannst das nicht, Du bist dumm und die anderen sind so … intellektuell, jawohl, das sind sie. Das schlimmste: Du bist dumm und weißt es. Solche, die in den NdL-Seminaren an der Uni, die immer alles und mehr gelesen hatten. Den Ton angaben mit Sätzen, die ich nicht verstand. So erhaben, so weit oben, und dann ich mit meiner Trivialliteratur. Ach, der Heyne Verlag, sagte damals mein Deutschlehrer und rümpfte die Nase. Die Verabredung mit mir lautet: Es ist in Ordnung, kein Geld zu verdienen, wenn ich an meinem Buch arbeite. An meinem Buch. Hahahaha.

Behandler: Die Klopferin

Als ich zu meiner neuen Therapeutin komme, bin ich in einem wirklich schlechten Zustand. Seit Wochen habe ich kaum mehr meine Wohnung verlassen, selbst der Weg zum Briefkasten ruft heftige Panikattacken hervor. Dass ich eine erneute Therapie beginnen muss, hat der Hausarzt mir auferlegt. Entweder das, oder stationäre Aufnahme, sagt er. Also suche ich mir den erstbesten Therapieplatz, den ich finden kann. Ich bin schließlich nicht verrückt.

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Kaleidoskop, Einstellung 2211

So ein Morgen. Ich ziehe dem Kind die Schuhe an, sie sind neu und froschgrün, und ich habe sie eigentlich heimlich für mich gekauft, weil sie mich ein bisschen fröhlich machen. Lustige bunte Kinderkleidung kann sowas, manchmal. Nebenbei fuchtelt das Kind mit seinem kleinen regenbogenfarbenen Regenschirm herum. Der Mann kommt vorbei und fuchtelt ein bisschen mit, da knallt der Plastikgriff mit überraschender Heftigkeit gegen meine Stirn.

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Oh, Menschen!

Es gibt neuerdings beautiful human beings in meinem kleinen schattigen Reich. Wie schön. Und ein herzliches Willkommen.

Twitter war’s, nicht wahr? Ich sehe das in den Zahlen da hinten. Ich twittere nicht (mehr), weil mich das leider noch ein bisschen crazier macht als sowieso schon. Wir werden uns dort also nicht treffen.

Alle so schnell da. Alle so (entweder) witzig und (oder) politisch relevant. Gefällt mir, ist aber auch totale Reizüberflutung, und am Ende weiß ich wieder nicht, worüber alle gerade reden.

Ich bleib lieber hier und fertige komplizierte Scherenschnitte von grasenden Riesenameisenbären im Okavangodelta. Für die Nerven.

[Natürlich leben die in Wirklichkeit woanders. Und grasen tun sie auch nicht. Ich fand halt das Bild so idyllisch. ]

 

Psychologie des Geldes

Was der Volksmund als schizophren bezeichnet, ist eigentlich was ganz anderes, dennoch: Mein Wunsch, viel Geld zu verdienen vs. meinen Wunsch, eine lange Auszeit in Form einer offiziösen Krankschreibung zu nehmen. Ersteres erfordert übermenschliche Anstrengung in Form von Überstunden, Akquise, Fassade. Letzteres erfordert die Loslösung von Konsum, Karriere, Eigentumswohnung. Ich besitze gar keine Eigentumswohnung, aber ich sollte. Das machen mir KollegInnen und FreundInnen stirnrunzelnd klar. Weil das Geld doch grad nix kostet. Kost doch nix! Wenn nicht jetzt, wann dann. Wird nie wieder so billig.

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Behandler: Die mit dem Flokati

Ich ziehe von meiner gemütlichen Studienstadt nach Berlin und komme nicht klar. Freunde weg, Stadt zu groß, Freund lebt im Büro. Mehr vermissen geht nicht, dachte ich damals. Aus der ständigen Sehnsucht wird irgendwann Trauer, wird Stasis, wird Leere. Vielleicht mach ich das mit der Therapie nochmal, überlege ich mir. Es war ja beim ersten Mal gar nicht schlimm. Sogar gut.

Ich lande bei einer Gesprächstherapeutin, die mir freundlich und zugewandt begegnet und mich nicht zwingt, in dem unbequemen Sessel zu sitzen, sondern mich auf dem Flokati herumlungern lässt. Weil der Flokati so schön weiß ist, muss jeder die Schuhe ausziehen und übergroße Gästeschlappen benutzen. Ich habe von Sekunde eins an eine starke Aversion gegen die Gästeschlappen, ich finde sie entwürdigend.

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Kaleidoskop, Einstellung 0609

Ich warte. Mein guter Freund M kommt gleich, zumindest theoretisch. Er hat einen großen Auftrag und arbeitet länger. Bis dahin sitze ich an einem herrlichen Spätsommerabend vor einem wirklich guten Restaurant und trinke ein Glas Wein. Das sind keine schlechten Voraussetzungen, um sich glücklich und zufrieden zu fühlen. Statt dessen fühle ich mich aufgeregt und elend. Weil ich in den letzten Monaten zu depressiv und verängstigt zum Arbeiten war, die Karrieren meiner Freunde mir Angst machen und ich diese Verabredung deshalb fast abgesagt hätte. Ich mag mir nicht beim Leiden zusehen lassen.

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