Kaleidoskop, Einstellung 0910.

Heute morgen ging ich zur Apotheke, das mache ich immer, wenn ich akutes Selbstmitleid habe. Apotheken trösten mich, weil ich quasi in einer aufgewachsen bin. Der Geruch zwirbelt sich direkt in meine Synapsen. Aber ich wollte was anderes sagen. Auf dem Weg dahin sah ich einen mittelsuspekten Typen, der in einem Hauseingang saß und irgendwas trank. Unspektakulär in meiner Nachbarschaft.

Als ich aber aus der Apotheke kam, hörte ich infernalisches Gebrüll, bog um die Ecke, und da: Eskalierte der Kerl im Hauseingang herum, während eine aufgebrachte Frau im Hausflur ihm zurief, er solle sich jetzt mal verpissen. Darauf reagierte er natürlich gar nicht gut und wollte auf die Frau losgehen. Die knallte die Tür zu. Zwei Männer mischten sich zaghaft ein. Der Eskalator bedrohte abwechselnd die geschlossene Haustür und die beiden Typen, sehr aggressiv und sehr laut, aber mit einem seltsamen Rest an Selbstbeherrschung. Und ich? Wechselte die Straßenseite. Männliche Wut macht mir große Angst. Aber dann sah ich, dass der eine Mann ein kleines Kind dabei hatte und ging zurück, um es zur Not in Sicherheit zu bringen (das klingt dumm, aber es ist nun mal das, was mir als erstes einfiel. Die Mutterrolle währet ewiglich).

Als ich ankam, ergriff der Eskalator gerade brüllend und gestikulierend die Flucht. So könne man nicht mit Menschen umgehen, kreischte er und warf seine Flasche an die Wand. Das sei respektlos! Plötzlich tat er mir leid. Weil ich weiß, wie schmerzhaft eine so große Wut werden kann.

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Kaleidoskop, Einstellung 0510.

Was man ja nicht weiß, ist: Ob die anderen wirklich so aufgeräumt sind. Ich schaue mich um und sehe Menschen, die solide in ihrem Leben herumschreiten. Kein Drama an der Oberfläche. Zufriedene kleine Maschinen, die zuverlässig Kreise ziehen. Die steigen in Bahnen und wohnen einem Meeting bei, einfach so! Schlendern vor aller Augen zum WC und stolpern über Kopfsteinpflaster, ohne rot zu werden. Ganz zufällig ertappe ich mich selbst von außen und erblicke: nichts. Keine Unruhe, keine Milchstraßen aus Gedanken, keine nachtschwarze Wolke über dem Schädel. Ich sitze da und arbeite. Ruhig, konzentriert, ein stiller Teich. So trügerisch, dieser zufällige Blick in reflektierende Fenster. Was die anderen wohl sehen, wenn sie sich in Oberflächen spiegeln?

 

 

Helium.

Wir sprachen ja neulich über das Frohsein.

Ich bin also ein lustiger roter Luftballon am spinnwebnen Faden. Wehe, wenn er reißt – aber wir denken doch jetzt nicht an Risse. Tanzen lieber auf dem Wind, oh so federleicht. Die Leute gucken, weil ich dieser fröhliche Kreis bin, ein kleines bollerndes Kraftwerk mit Fenster auf. Sperrangelweit. Das sind die anderen Tage. Weiterlesen

Schweigeminute.

Zwei Wochen lang war ich fast vergnügt. Es macht mir Freude, das zu aufzuschreiben: vergnügt. Das Wort erinnert mich an dieses still-fröhliche Emoji mit den roten Bäckchen. Was das jetzt über mich sagt – ich will es gar nicht wissen. Wobei es ein bisschen traurig ist, mich sofort dafür zu entschuldigen, wenn ich vage Dämliches formuliere. Stimmt aber: Das Schreiben fällt mir derzeit sehr schwer, eben aus diesem Grund. Die innere Kritikerin kommt aus dem Stirnrunzeln nicht mehr heraus, zieht die Brauen hoch – oder schlimmer, nur eine – und gibt abfällige kleine Geräusche von sich. Ich zwinge trotzdem ein Wort nach dem anderen aus seinem Versteck. Schließlich mache ich das hier nicht aus Wettbewerbsgründen, und das ist natürlich eine weitere Lüge.  Weiterlesen

Memento Mori.

Es ist Frühling, und da denke ich an den Tod, wie jeder normale Mensch.

In der Blüte steckt schon das Welken, und das ist gut und richtig so, ich befürworte das. Trotzdem fällt mir täglich ein, dass ich bald 40 werde. Jesses, wie banal. Und komisch, wie mich das überrascht, dabei hätte ich immer behauptet: Sie stört mich gar nicht, die 40. So lange hat es schließlich gedauert bis hierhin.

Und jetzt doch die Panik – schnell, mach hinne, Dein Leben ist in zwei Sekunden vorbei, was ist nun mit all den Träumen? Wo ist das offene Haus voller Freunde, wieso parkt der Bulli immer nur vor der Haustür und nie am Atlantik? Was ist mit dem letzten Schluck Rosé im Morgengrauen, wo sind die Küsse und der Wind im Haar, wo das Risiko und das Springen und das Fallen? Wenn jemand das Zaudern perfektioniert hat, dann bin ich das.  Weiterlesen

Wütend, so sehr.

Heute Nacht träumte ich, ich hätte eine Bäckereifachverkäuferin aus vollem Hals angebrüllt. Weil sie unentschlossen, bösartig und nervig war. Und vor mir schon ein seltsam alternatives Paar in der Schlange stand, das ebenfalls unentschlossen, bösartig und nervig war. Da hatte ich im Traum absolut keine Geduld mehr, stattdessen eine unglaubliche Wut. Die Wut baut sich langsam auf, erst ein Zittern unter der Oberfläche, das ist das Seebeben, und dann zieht der Blick alle Energie von außen nach innen, das ist der Sog, der dem Tsunami vorausgeht. Kurz liegt das Wesentliche frei, das früher war, und dann wirft sich diese gigantische schwarze Welle über alles, was ich heute bin. Träumend schreie ich mich besinnungslos, rot sehend im Wortsinn, aber die Wut will nicht nachlassen. Es ist immer noch Kraft übrig, und dann noch mehr.  Weiterlesen