Drüber reden.

Das hab ich mir wohl so gedacht, dass ich irgendwann die Lösung zur lebenslangen Fragestellung finde, und dann wird alles gut. Hab es mir so gedacht, dass alle Menschen einfach so wissen: Ah nee klar, die ist autistisch, geile Sache. Hab mir gedacht, dass so eine große Antwort doch sicher groß genug sei, um die Schlaglöcher in meinem Denkprozess sauber zu verspachteln. Was ich nicht gedacht habe: Dass es dermaßen schwierig ist, darüber zu reden.

Die verbale Hemmschwelle überrascht mich gleich doppelt. Zum einen rede ich doch dauernd. Ich rede im Internet, ich rede mit Freund*innen, ich rede ungefragt über meine Meinung, ich rede mit mir selbst und mit dem Stoffpferd meiner Tochter. Yadda yadda yadda. Wieso sollte ich also nicht über mein Hirn reden können? Zum anderen bin ich davon ausgegangen, dass alle Leute über meinen glorreichen Erkenntnisprozess Bescheid wissen, weil ich doch selbst Bescheid weiß. Das klingt seltsam, ist aber, wie ich mittlerweile weiß, so eine typisch autistische Fehlleistung. Wenn ich drüber nachdenke, ist mir auch klar: Geht ja gar nicht, ich trage schließlich kein Hallo-ich-bin-übrigens-Aspie-Schild auf dem Kopf.

Die ganze Sache mit dem „Auting“ ist also komplizierter als erwartet. Wem soll ich das überhaupt erzählen? Wem will ich das überhaupt erzählen? Und warum? Und wenn nicht, warum nicht? Da muss eine erstmal ihren Modus Operandi finden. Geht natürlich nicht ohne Peinlichkeit und Wachstumsschmerzen. Es kann passieren, dass ein Mensch mir gar nicht glaubt: „Was, du bist autistisch, das kann ich mir jetzt gar nicht vorstellen, weil der Dackel von der Freundin meiner Großtante hat einen autistischen Cousin, der ist ganz anders als du! Du kannst reden! Und schaukelst nicht in einer dunklen Ecke murmelnd vor dich hin!“ Jaja, darüber habe ich mich neulich erst beschwert. Ich beschwere mich aber noch einmal. Schamlos.

Oder das: Man findet mich ausreichend schrullig, weist aber sofort darauf hin, dass mein Autismus sicherlich nur ganz mild sein könne. Na, zum Glück! Von extrascharfem Autismus krieg ich immer Sodbrennen.

Manchmal erläutere ich gar nichts und lasse die Fakten einfach stehen. Das bringt mir weirde Blicke ein (ja, ich meine dich, Arzthelferin des Grauens!). Diese Blicke kann ich entgegen dem Klischee sehr wohl interpretieren. Die sagen sowas wie: „Bitch please, du steigerst dich da ein bisschen in was rein.“ Oder ich beantworte brav alle Fragen, um am Ende völlig entblößt dazustehen. Also seelisch. Denn die Glaubwürdigkeit ergibt sich naturgemäß aus den krassen Beispielen. Denen aus der „Huch.Wow.“-Kategorie. Jetzt ist es aber so, dass ich meine schlimmsten, verrücktesten, empfindlichsten Momente nicht aus bloßer Rechtfertigung teilen will. Würdet ihr das etwa wollen? Siehste.

Und dann gibt es diese Momente, in denen ich mich so gern erklären würde, mir aber das Schweigen wie ein Sandsturm alle Worte von der Zunge fräst. Meine Eltern auf der andern Seite des Tisches, ich mit meinen tausend Fragen und dem sehnlichen Wunsch, erkannt zu werden. Was für ein Kind war ich, will ich fragen. Wie war eure Anreise, frage ich. Wir reden über das Wetter und den Schienenersatzverkehr. Über die deutsche Medienlandschaft und die Steuer. Nur nicht über das, was mich anders macht und unverrückbar zwischen uns steht. Also schreibe ich es ins Internet wie so jeder normale Mensch.

Möglicherweise helfen ja allgemeinere Erklärungen zur Natur eines Spektrums (möglicherweise fällt der Gesprächspartner auch vor Langeweile tot um). Ein Spektrum ist kein, ich wiederhole: KEIN Gradient. Nicht wie der Volume-Regler der Stereoanlage, links leise und recht laut. Auch nicht wie Strumpfhosendichten in Denier.

Okay finde ich außerdem das mit dem Puzzle: Wenn wir uns das Autismusspektrum als 100-Teile-Puzzle vorstellen, hat jedes Mensch davon vielleicht so 10-20 Teile. Vielleicht ist es geräuschempfindlich oder schüchtern oder ordnet seine Stifte gern nach Farben. Autistische Leute haben von diesem Puzzle, sagen wir mal, 70-90 Teile. Na, fällt der Groschen? Fabelhaft. Zu technisch zwar für meinen Geschmack. Aber eventuell hilft es jemandem, dann kann ich mit der fehlenden Poesie leben.

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An dieser Stelle fragen sich garantiert ein bis drei Leute, ob sie mir bereits zu nahe getreten sind. Oder ob sie mich überhaupt was fragen sollen. Ja! Fragt bitte. Das ist ok. Ich werd versuchen, mit euch und mir ins Gespräch zu finden. Ich will das. Ich will mich nicht dauernd verstecken. Je nach Tagesform bin ich dabei eben souverän oder nassgeschwitzt. Oder sage nix, das ist dann Pech.

Aber bitte, fellow humans: Kommt nicht auf die Idee, die Diagnosen von Autist*innen (mich mitgezählt) kritisch zu hinterfragen wie das Klimapaket der Bundesregierung. Der Weg durch die Diagnostik ist kein Spaß, sondern lang und verunsichernd und ganz oft frustrierend. Das macht man nicht mal eben aus Langeweile wie so’n Buzzfeed-Quiz.

Gerade für Spätdiagnostizierte gerät ganz schön was aus dem Gleichgewicht. Unter Umständen hat man Jahrzehnte damit zugebracht, sich scheiße zu finden. Weil das reine Dasein auf der Welt so irre anstrengend ist und man nicht weiß, warum. Weil man nie so recht das dauernde Scheitern an den einfachen Dingen kapiert. Weil man ständig Angst hat, dass andere die eigene Schwäche wittern. Letzteres ist ein reales Problem. Die allermeisten Autist*innen haben recht heftige Mobbing-Erfahrungen. Über meine eigenen werde ich vielleicht irgendwann schreiben – vielleicht. Diese Dinge sind 30 Jahre her und immer noch nicht verheilt. Also warte ich lieber, bis die Worte leicht genug werden, um die schweren Sachen zu tragen.

Ich habe schon wieder kein Fazit. Außer, dass es ruckelt und quietscht auf dem Weg zum neuen Gleichgewicht. Ich probiere herum, es fallen Späne; Tränen auch. Alles ist so einsam und gleichzeitig überhaupt nicht. Klar ist, dass ich drüber reden will und dass es wichtig ist und mit Mut nichts zu tun hat. Muss man mal sehen.

16 Gedanken zu “Drüber reden.

  1. Oder: „Du musst dich nur zusammen reißen.“ „Stell dich nicht so an.“ „Wenn du Hilfe brauchst, dann beantrage die doch einfach.“ (Ha, „die“ Lösung ist es auch nicht!). Neulich mit der Nachbarin: „So kannst du doch nicht rumlaufen. Mach dich schick.“ (Was meinst du? Passiert so oder so ähnlich öfter). Wann begreift sie, dass das, was sie für notwendig hält, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, mitunter meinen Bedürfnissen zuwider läuft. Oder eben das: Ich kenne einen Autisten. Du bist aber nicht so. Oder: Und? Was heißt das jetzt? Funktioniert doch alles.

    Bei meinem Spezialinteresse (Altes Testament, und zwar wirklich vom ersten bis zum letzten Vers, auch die vielen Gesetzeskapitel) hält sich bei meinem Umfeld die Begeisterung in Grenzen: „Ja, Ja, interessant und wichtig.“, um im nächsten Moment schon wieder abgehakt zu sein. Oder Kirchgemeinde: „Das hat jetzt aber nichts mit dem christlichen Glauben zu tun.“ respektive „Die ganzen Gebote sind für uns nicht relevant.“ – Finde ich nicht, im Gegenteil, sogar, dass es sträflich vernachlässigt ist. Das nervt.

    Unter den Bedingungen weiß ich überhaupt nicht, wem ich was erzählen kann. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach darüber reden riesig. Oder ich muss alles mögliche ausbreiten, damit man mir glaubt. Das kenne ich auch. Und auf eine Art demütigend. Irgendwie wirkte Israel als Oase dagegen, was aber auch an der kurzen Zeit eines Urlaubs gelegen haben kann. Gastfreundschaft wird da unten schließlich groß geschrieben. Und Fremden, zumal aus einem anderen Kulturkreis, sieht man eher etwas nach als Einwohnern.

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  2. … ich kenne Dich nicht, weiß nicht, auf welchem Weg ich zu Dir gefunden habe. Ich lese Dich sooo gern… Liebe Liz Schattentier…
    „Klar ist, dass ich drüber reden will und dass es wichtig ist und mit Mut nichts zu tun hat. Muss man mal sehen.“ – Bitte mach damit unbedingt weiter. Und : doch! Es hat was mit Mut zu tun. Den machst Du durch dieses „radikale Die-Sein-die Du bist“ nämlich Menschen wie mir, also denen mit einer Überzahl schüchterner und unsicherer Puzzleteile. Und den mache wiederum ich selbst anderen, indem ich ebenfalls immer noch radikaler, konsequenter und mutiger werde und das sagen und sein muss, was wirklich wirklich richtig und wichtig ist.
    Sehr selten fällt es mir sogar wieder ein : Mir hilft manchmal die Vorstellung, mich mit der Erde zu verbinden und mir eingebildete Wurzeln wachsen zu lassen. Und dass diese Wurzeln ein verzweigtes Netz bilden und wir uns mit anderen, die so sind wie wir, verbinden können. Wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwo eine nährende Verbindung zwischen meinem rechten kleinen und einem linken mittleren Zeh von Dir? Ist nicht freakig gemeint,sondern soll heißen : Ich bin da und lese dich. Und fühle mich tief verbunden.

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      • „Gerade für Spätdiagnostizierte gerät ganz schön was aus dem Gleichgewicht.“ Da hast du Recht, ist/war bei mir ebenso. Die Entstehungsgeschichte dieses Textes gehört zum Verständnis m.E. dazu, die Reportage alleine lässt zu viel Interpretationsspielraum. Bei Interesse: Frag mich bitte, ich antworte gerne.

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      • Das nehme ich sehr gern wahr! Wo ich dich jetzt schon hier habe 🙂

        Das ist es nämlich, die Reportage gab mir so wenige Anhaltspunkte. Ich finde die Idee einer „Bedienungsanleitung“ ja total gut. Naturgemäß sähe die bei jedem/jeder anders aus. Wie geht es dir seit der Reportage, und wie hat dein ganzes Umfeld eigentlich auf die Diagnose reagiert?

        Bei mir gab es alles zwischen „Bildest du dir ein“ und „Das erklärt ja einiges“.

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  3. Pingback: Jahresrückblick – Nieselpriem

  4. Diese Reportage war ursprünglich ein ganz anderes Projekt. Dass sie jemals veröffentlicht wurde, war nicht abzusehen. Und als sie dann veröffentlicht war, hatte ich natürlich nicht vorhergesehen, was passieren könnte. Weil: ich kannte ja alle Hintergründe, also kam ich gar nicht auf die Idee, dass Leute so viel reininterpretieren würden. Ich schätze, das war wieder ein typisches Autistendenken.

    Als ich 2016 – drei Jahre nach meinem Kind – die Diagnose bekam, hatte ich gerade wieder einmal gravierende Probleme in der Arbeit. Ich hatte es bislang zeitlebens nicht geschafft, mehr als Teilzeit zu arbeiten und bin trotzdem bei jeder Stelle krank geworden. Wie es mir in der Arbeit ging, war auch einer der Gründe, weshalb ich in die Diagnostik gegangen bin.

    Ich bekam zu der Zeit Unterstützung vom hiesigen Netzwerk Autismus und das Angebot, dass ich mich bei meiner Chefin in Begleitung outen dürfe. Das habe ich gerne angenommen, weil ich große Angst hatte vor dem Gespräch. Zu der Zeit hatte ich noch Panikattacken zusätzlich. Die Psychiaterin sagte mir, dass ich schauen sollte, was bei mir vom Autismus und was von der Angststörung käme. Das Netzwerk machte mir den Vorschlag, dass ich für das Gespräch meine Schwierigkeiten am Arbeitsplatz aufschreiben sollte, damit meine Chefin besser nachvollziehen könnte, wo meine Probleme lagen. Das erschien mir damals logisch und sinnvoll, also hab ich diese Liste geschrieben.

    Da diese Arbeitsstelle aber sowieso die falschen Rahmenbedingungen hatte, befristet war und ich nach der Diagnose eine schwere Depression entwickelte, war das Ganze dann halt nicht von wirklichem Erfolg gekrönt. Wenn ich mal wieder eine neue Stelle finde, diesmal nur eine mit halbwegs passenden Bedingungen – weil ich es sonst besser gleich bleiben lasse – meiner mühsam zurückerrungenen Gesundheit zuliebe – dann werde ich meinem Chef und den Kollegen versuchen zu erklären, wie das bei mir ist und ihnen dazu vermutlich wieder eine Art „Bedienungsanleitung“ an die Hand geben.

    Wie hat mein Umfeld auf die Diagnose reagiert: Da meine Diagnose vor allem auf den umfangreichen Einschätzungen meiner Mutter beruht (steht so im Arztbrief), war die nicht sonderlich überrascht, kann aber bis heute nicht wirklich damit etwas anfangen. Meine Kinder hat es, genauso wie meine damalige Chefin und die Kollegen nicht überrascht. Die restliche Verwandtschaft weiß z.T. nicht mal davon, ich habe allerdings auch nicht viel restliche Verwandtschaft, mit der ich Kontakt hätte.

    Als Reaktion habe ich mir schon eine ganze Menge anhören dürfen: „Ist doch ganz normal, was du so erzählst, nix besonderes, kenne ich auch“, „mir ist‘s auch zu laut und wuselig auf dem Weihnachtsmarkt“, über „Das ist aber höchstens ganz leicht bei dir“, „Glaub ich nicht, du bist sicher kein Autist, weil die sind ganz anders“, „das bildest du dir bestimmt nur nur ein“, „Du entschuldigst doch nur schon wieder mit einer Diagnose dein berufliches Versagen„, „definiert sich über eine Diagnose“, und „Autismus? Keine Ahnung“, „interessiert mich nicht“ bis hin zu „kann gut sein“ und „ich hab‘s dir doch gleich gesagt“.

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    • Vielen Dank für deine Geschichte und für deine Offenheit. Es ist so spannend, die (Berufs-)Geschichten andere Autist*innen zu erfahren. Eine Vollzeitarbeit hatte ich bislang nur etwa 5 Jahre lang. Seit 10 Jahren arbeite ich freiberuflich und habe zum Glück die Möglichkeit zu sehr viel Selbstbestimmung. Ich weiß nicht, wie es sonst beruflich aussähe.

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  5. Kennst du das Buch „Typisch untypisch – Berufsbiografien von Asperger-Autisten: Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen“ von Eleonora Kohl, Hajo Seng und Tobias Gatti aus dem Kohlhammer Verlag? In diesem Buch könntest du 22 Berufsbiografien von Autisten lesen. 🙂

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  6. Kaum kriegen wir daheim kurzfristig vermehrt Besuch, schon träumt sie davon, das Haus niederzubrennen und irgendwo in der Südsee inkognito weiter zu leben. Wir sind Autisten, wir wollen so viel wie möglich von der Welt mitkriegen, ohne von ihr behelligt zu werden. Je schneller die Leute von einem Reiz zum nächsten springen, desto weniger mögen wir noch mitmischen. Wir sind vogelfrei. „Am besten, wir schleichen uns in eine betreute Aussenwohngruppe ein, damit wir den Kopf frei haben für die wirklich wichtigen Dinge“, meint die Gräfin. „Dann sind wir Königin.“

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