Same same but divergent.

Dass ich anders bin, wusste ich schon mein Leben lang. Diesen Satz habe ich auf meiner Großen Unendlichen Suche so oft gelesen; er läuft im inneren Spracharchiv fast unter „Klischee“. Aber er stimmt ja dann doch. Meine frühesten Erinnerungen drehen sich darum, die Welt im Kern nicht zu begreifen. Vor allem die Menschen darin nicht. Warum setzen sich die anderen Kinder bei der Erzieherin auf den Schoß? Warum sagen die „Tante Martina“ zu ihr, die ist doch gar nicht unsere Tante? Warum machen die ständig Dinge, die ich gar nicht verstehe? Und wie sind die Regeln dafür? Wie sind die VERDAMMTEN REGELN!? Okay – verdammt habe ich mit drei Jahren nicht gedacht. Der Grundtenor stimmt allerdings.

Der Grundtenor stimmt nun schon seit 41 Jahren. Sechs Psychotherapeut*innen, drei pharmakologische Präparate und vier Psychiater haben daran nichts ändern können. Das Rauschen meiner Persönlichkeit ist sehr penetrant. Anscheinend kann ich nicht umhin, ich zu bleiben – ganz egal, mit welchen Methoden man an mir herumlaboriert. Mein Gehirn ist nicht beeindruckt. Und wenn es ihm zuviel wird, zieht es die Depressionskarte. Gehe nicht über Los, nimm eine Strafrunde Panikattacken.

Es ist irgendwie so wahnsinnig anstrengend, ich zu sein, sage ich einmal voller Verzweiflung zum Mann. Der guckt mich an und nickt. Er weiß, dass es anstrengend ist, aber er kann’s mir auch nicht erklären. Das Nichtwissen treibt mich seit Jahrzehnten um. Ganz gleich, wie frustrierend und wenig wirksam die jeweils aktuelle Psycho-Intervention gewesen ist: Mein Bedürfnis, eine Erklärung für all die Merkwürdigkeiten zu finden, blieb ungebrochen. Denn Merkwürdigkeiten gibt es etliche an meiner Person, das dürfte niemanden, der mich kennt oder liest, aus den Socken hauen. Auf den ersten Blick haben sie keinen Zusammenhang. Das fehlende System dahinter hat mich hunderttausend Mal zur Verzweiflung gebracht.

Was hat der dringende Wunsch nach symmetrisch belegten Brötchenhälften mit Schwindel in der U-Bahn zu tun? Warum weiß ich nicht, wann ich am Telefon mit Reden dran bin (und auch sonst nicht so richtig)? Wieso erkenne ich nie, und hab es nie erkannt, wenn Typen es nicht gut mit mir meinen (lies: böse bis übergriffige Absichten verfolgen)? Das sind harmlose Beispiele, die richtig schweren Kaliber haben hier nichts verloren.

Die meiste Zeit meines Lebens bin ich davon ausgegangen, so richtig einen an der Waffel zu haben. Auf allen denkbaren Ebenen, vor allem zwischenmenschlich. Und wie sich herausgestellt hat, habe ich so richtig einen an der Waffel. Allerdings nicht so, wie ich dachte.

Die entscheidenden Sätze von Freundin L. im Februar, die Entscheidung für eine lange und relativ komplizierte Diagnostik an einer Spezialeinrichtung, das Warten Warten Warten Warten Warten. Letztlich der entscheidende Termin. Die Erleichterung, die Verblüffung, die Ambivalenz. Ich habe lange überlegt, ob ich hier wirklich klipp und klar einen Begriff hinschreiben soll. Einerseits habe ich sowieso schon schamlos über meinen emotionalen Dekubitus schwadroniert, andererseits – nein. Vielleicht später, aber jetzt nicht. Es werden sich auch so schon genügend Menschen ihren Teil denken. Und für alle anderen kann ich zumindest sagen: Ich bin neurodivers. Mein Gehirn funktioniert auf einer sehr realen neurobiologischen Ebene nicht wie das der Mehrheit. Deshalb ändern Psychotherapien nichts an der Grundkonstitution, sondern im besten Fall nur etwas am Umgang mit ihr. Und ja, ich war schon immer so. Ich wurde so geboren.

Wenn man nun eine halbe Lebenserwartung damit verbringt, unbedingt normal sein zu wollen und es nie so ganz schafft, dann macht das was mit einem. Es macht traurig und ängstlich. Meine innere Dressurpeitsche, die immerzu rief: Streng dich an! Reiß dich zusammen! Gib dir noch ein bisschen mehr Mühe! Noch ein bisschen! Noch etwas mehr! – also, die ist mit der Diagnose obsolet. Ich habe mich angestrengt. Mir Mühe gegeben. So viel und immer noch mehr. Aber das, was an mir anders ist, wird anders bleiben. Auch wenn ich noch so viel peitsche.

Es ist allerdings gar nicht möglich, sich mal eben so zu ent-peitschen. Jeder Widerstand von Familie oder Freunden, jedes Hinterfragen meiner Wahrhaftigkeit, erschüttert meine winzige neue Identität im Kern. Zum Glück habe ich jetzt eine Ansprechpartnerin, der ich diese Zweifel auf den Tisch schütten darf. Und die mir qua professioneller Forscherinnenkompetenz sagt: Nein, Sie haben sich nicht geirrt. Nein, wir haben uns auch nicht geirrt. Nein, Sie sind keine Hochstaplerin, die eine Diagnose als Feigenblatt für ihr persönliches Scheitern braucht. Das tut sehr gut. Es zeigt mir aber auch meine aktuelle Fragilität. Und genau deshalb steht hier kein Diagnoseschlüssel.

An sehr vielen Tagen ist mein Gesamtzustand immer noch so:

really.gif

Es gibt aber auch immer wieder und immer mehr Momente absoluter Erleichterung. Erleichterung über den Segen einer Antwort. Endlich Erklärungen für Probleme, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen (Spoiler: Sie haben allesamt miteinander zu tun). Es gibt Augenblicke von Freiheit, fast Glück. Es gibt Chancen, noch dunstig am Horizont.

Heute ist ein guter Tag.

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13 Gedanken zu “Same same but divergent.

  1. Ich schreibe dir mal so wie ich es gerade fühle (ich bin auch 41 🙂
    Wenn du magst zeige ich dir den Weg, der bei mir „funktioniert“ hat – Spiritualität (z.B. Eckhart Tolle, Robert Betz, Stefan Hiene u.a.) Vielleicht schaffe ich es damit, deine Fragen zu beantworten.
    Am besten wäre ein Treffen in der Natur, ein Spaziergang am Fluss, aber da sowas heutzutage schwer einzurichten ist, können wir auch telefonieren.
    Sag Bescheid wenn du magst.
    Liebe Grüße, Mirko

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  2. Ich schicke Dir ein ❤️ für Deine Worte und Sätze, immer und immer wieder und weil ich so froh bin, dass Du zwischendurch plötzlich einfach hier bist und ich etwas lesen darf wovon ich dann denke – ja, genauso ist es! Und dann merke, dass ich gar nicht so allein bin mit meinem Anderssein.
    The süperdüper Wikipedia sagt: „Für Georg Theunissen (2015) ist Neurodiversität ein Konzept, von dem profitiert werden kann, da es ermöglicht, Stigmata und eine Definition über Defizite abzulegen. Es handelt sich in dieser Sichtweise eher um Andersartigkeit, die mit Fähigkeiten und Möglichkeiten verbunden ist…“
    I like that ❤️

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    • Genau. Ich finde das auch gut. Und darunter fallen unter anderem AD(H)S und alles aus dem Autismus-Spektrum. Ich weiß gar nicht, was die Leute meinen mit „Cliffhanger im Text“ – es ist doch spätestens hier offensichtlich 😬 Aber vielleicht verschätze ich mich da total.

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  3. Ich denke, wenn es Dir hilft, „es“ benennen zu können, ist es gut.
    Ich finde Dich unendlich sympathisch. Mir reicht das. Du schaffst das! Egal, was du „hast“ oder nicht – wer so schreiben kann wie du, der kann alles hinbekommen. Allein durch dieses Talent hast Du so vielen so viel voraus!
    Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann nicht mehr kämpfen musst 🙂

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  4. Klingt sehr nach Asperger.
    Wie wunderbar, wenn Dir eine Diagnose soviel Orientierung, Beruhigung und zudem ein bisschen zusätzliches Selbstwertgefühl geben kann!
    Dein unfassbar großes Talent, komplizierte Gefühle und Eindrücke derart auf den Punkt genau zu versprachlichen, und das mit geradezu poetischem Anmut, ist vielleicht die schöne Seite der gleichen Medaille.
    Es gibt keine Bloggerin, die ich lieber lese. (Und ich bedaure immer noch sehr Deine Entscheidung, kiddothekid nicht weiterzuführen.)
    Bei allem „Fluch“, der mit einer solchen „Neuro-Ausstattung“ einhergeht: dein Umgang damit begeistert und fasziniert verdammt viele hier.

    Liebe Grüße,
    Ana

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    • Dafür, dass ich die Diagnose nicht so deutlich nennen wollte, steht sie jetzt recht deutlich da 🙂
      Aber das macht nix. Ich lass das so. Und früher oder später werd ich eh drüber schreiben. Vielen Dank für diese Wagenladung an Komplimenten. Das bedeutet mir sehr viel.

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  5. Ana nimmt mir die Worte aus dem Mund. Den Asperger mal ausgenommen, denn davon versteh ich zu wenig.
    Ich freu mich für Dich, dass Du Freiheitsaugenblicke hast und Chancen sehen kannst. Bitte schreib weiter mit solch berührenden Worten, die mir als Nichtbetroffenem diese Einblicke gewähren.

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    • Danke Dir. Ich schreibe auf jeden Fall weiter, nur nicht so oft, wie ich‘s gern hätte (und die Leser*innen beschweren sich ja auch regelmäßig). Wenn man über so persönliche Dinge schreibt, wäre Impulsposting aber andererseits auch keine gute Idee. Deshalb denk ich immer lange nach vor den Texten.

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  6. Ach Liz, ich bin so erleichtert, dass es für dich endlich einen Lichtblick gibt!! Dich mal so positiv zu lesen macht mich richtig froh! Unfassbar ist für mich nur, wie es so lange – eine halbe Lebenserwartung, wie du sagst – dauern kann, bis die befreiende Diagnose gestellt wird..? Ich bin auch ganz bei Ana, und dass ich deine Texte liebe, das weißt du. Du schreibst so ausdrucksstark, dass ich als völlig Außenstehende oft glaube, mit dir mitfühlen zu können – auch wenn das für dich jetzt vermutlich anmaßend klingt. Ich wünsche dir von Herzen, dass du die Peitsche bald Stück für Stück zur Seite legen und statt dessen die Seele streicheln kannst! ❤

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    • Nein, gar nicht anmaßend. Ich freu mich, wenn mir das gelingt. Mich mal so positiv zu lesen, ist fast beschämend – da fällt es auf, wie sehr ich hier sonst rumwüte. Tatsächlich bin ich nicht nonstop grumpy. Das sieht nur im Internet so aus 😉

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      • Schreiben ist Therapie, da ist es schon ok, hauptsächlich rumzuwüten, finde ich 😉 Dass du in deinem Innersten eigentlich gar nicht so grumpy bist, das schimmert trotz allem in deinen Texten durch. Ganz besonders berührt hat mich das immer drüben beim Kiddo. Denn da hab ich deine bedingungslose Liebe zum Kind immer als Fundament gespürt. ❤

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