Wütend, so sehr.

Heute Nacht träumte ich, ich hätte eine Bäckereifachverkäuferin aus vollem Hals angebrüllt. Weil sie unentschlossen, bösartig und nervig war. Und vor mir schon ein seltsam alternatives Paar in der Schlange stand, das ebenfalls unentschlossen, bösartig und nervig war. Da hatte ich im Traum absolut keine Geduld mehr, stattdessen eine unglaubliche Wut. Die Wut baut sich langsam auf, erst ein Zittern unter der Oberfläche, das ist das Seebeben, und dann zieht der Blick alle Energie von außen nach innen, das ist der Sog, der dem Tsunami vorausgeht. Kurz liegt das Wesentliche frei, das früher war, und dann wirft sich diese gigantische schwarze Welle über alles, was ich heute bin. Träumend schreie ich mich besinnungslos, rot sehend im Wortsinn, aber die Wut will nicht nachlassen. Es ist immer noch Kraft übrig, und dann noch mehr. 

Als ich aufwachte, war die Wut noch da. Zusammengerollt in meinem Bauch wie ein Kettenhund, der nur darauf wartet, bis jemand nah genug vorbeigeht. Jetzt gerade knurrt die Wut, kann nirgends hin mit sich, mit mir. Tatsächlich habe ich sehr viel Wut in mir, ich weiß nicht viel über sie, außer, dass sie sehr alt ist und nie sein durfte.

Es ist schwierig, immer so wütend zu sein. Energie flackert aus meinen Poren, meinen Haarspitzen, meinen Worten. Ein Haus mit bollernder Heizung, alle Fenster und Türen weit offen. Ich habe viele Bilder dafür. Sie sind wichtig, weil die Wut keine fremde Entität sein darf, sondern mir vertraut sein muss, um unter Kontrolle zu bleiben. Und ja, das ist Teil des Problems, denn irgendwo soll der Tsunami doch hin. Sonst dreht er endlos in meinem Innern seine Runden, Stasis in Bewegung zwischen tödlicher Kraft und totaler Leere. Aber wohin damit? Wo ist der Raum, der Kapazitäten für so viel Wut hat? Körperliche Anstrengung hilft bedingt, ist aber mehr Symptom- als Ursachenbewältigung.

Der einzige Mensch, auf den ich nicht wütend bin, ist mein Kind. Mein Kind, das für gar nichts irgendwas kann und darauf angewiesen ist, dass ich immer wieder weich werde, sanft und da. Ich bin mir trotzdem sicher, dass es um die Welle in mir weiß. Dass es den Hund knurren hört, diese spezielle Energie mit seinen Antennen erspürt. Die Wut zu bearbeiten, durchzuarbeiten, zu verarbeiten oder wie immer man das nennen mag, ist das Wichtigste, was ich für mich und so auch für mein Kind tun kann. Einen Raum dafür zu finden, das wünsche ich mir derzeit mehr als alles andere.

Vielleicht muss ich im echten Leben mehr Leute anschreien. So richtig laut, bis die Stimme kippt. Die besoffenen Touris, die nachts vor meinem Schlafzimmerfenster rumhängen. Den scheiß-sexistischen Kunden im Meeting. Den nächsten asozialen Typen, der vor mir seinen Pimmel zum Pinkeln rausholt. Meistens bin ich dafür zu nett. Aber vielleicht nicht für immer.

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5 Gedanken zu “Wütend, so sehr.

  1. Du hast deine Wut so eindrucksvoll beschrieben, dass ich auch richtiggehend den Hund knurren hören konnte… Ich bewundere dich dafür, dass du auf dein Kind nie wütend bist, denn das schaffe ich nicht ganz. Es kommt zum Glück sehr selten vor, und das auch meist nur ganz kurz, aber es kommt vor. Wenn du sagst, die Wut sei sehr alt und durfte nie sein, dann klingt das für mich ziemlich nach einem unglücklichen „inneren Kind“ – hast du dich damit schon mal auseinandergesetzt? Ich kenn mich damit auch nicht aus, aber vielleicht könntest du damit an dieser Wut irgendwie arbeiten?

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    • Doch, ich bin schon auf mein Kind wütend. Aber nicht grundsätzlich oder durchgehend. Klar drückt auch das Kind meine roten Knöpfe – ich würde mal behaupten, das tun alle Kinder bei allen Eltern. Aber das ist eine andere Wut wie die oben beschriebene.

      Und ja, ich arbeite auch mit und an dieser Wut (tatsächlich schreibe ich vieles, was ich aktuell so mache und denke, hier nicht auf, weil bei einem Blog wie diesem das Wahren der Grenzen superwichtig ist).

      Das Thema „inneres Kind“ ist aber ein großes, das stimmt.

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      • Hach, und ich dachte schon, du wärst eine der wenigen Heiligen… 😉 Aber es stimmt, es gibt verschiedene Arten von Wut. Und dass du nicht über alle Baustellen hier schreibst, ist auch klar. Ich find’s wahnsinnig toll, dass du überhaupt schreibst, denn ich liebe deine Texte 🙂 Auf dass die Wut weniger werde!

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  2. Pingback: Kaleidoskop, Einstellung 0910. | schattentiere

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