Behandler: Der mit dem coolen Pulli.

Mit Psycholog*innen zu sprechen, ist nett und alles, aber Tabletten, sofern man welche haben möchte, verschreiben sie einem nicht. Pharmazie heißt Psychiatrie, also suche ich mal wieder einen Psychiater auf. In der Hoffnung, dass es ein halbwegs normaler Mensch sein möge, was bei Psychiatern weiß Gott keine selbstverständliche Voraussetzung ist.

Als ich ins Sprechzimmer gebeten werde, bin ich positiv überrascht. Der ist ja in meinem Alter. Der hört mir zu. Der trägt anständige Pullover und raucht nicht Kette. Und er stellt mir ganz kooperativ das benötigte Rezept aus. Ich erzähle ihm, dass ich mittelfristig ohne Tabletten auskommen möchte, weil ich das Gefühl habe, die tun nix mehr für mich. Aber dass alle Absetzversuche glorios an den Entzugserscheinungen gescheitert sind. Ach wo, sagt der coole Pulli, die machen nicht abhängig, das sind ganz moderne Mittel, sagt er, es kann höchstens sein, dass Sie große Angst vor dem Leben ohne Tabletten haben und sich deshalb so starke Symptome einbilden. Einbilden? Ja, das klingt ein bisschen fies, gibt er zu, es ist aber halt so, dass die Psyche alle möglichen Sachen produziert. Placebo, ne? Also in umgekehrter Form, dann heißt es Nocebo. Diese Möglichkeit habe ich auch schon in Erwägung gezogen und, so gut ich konnte, für meinen konkreten Fall überprüft. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass der größte Teil meiner Absetzsymptome kein Nocebo sind.

Er blättert noch einmal in einem Handbuch, um meine Bedenken zu entkräften. Zwei bis drei Wochen kann es ein bisschen unangenehm sein, der Coole schaut freundlich über seine Brille, aber dann haben Sie das wirklich hinter sich. Ich nehme ihm das Buch sacht aus der Hand und schaue es mir näher an. Der Herausgeber ist Eli Lilly.

Mich überzeugt das alles nicht, aber nun gut. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man sicher wieder diskutieren. Wie sich herausstellt, kann man das nicht. Der Coole ist überzeugt von den Segnungen medikamentöser Psychiatrie. Zugeben, die religiöse Hingabe des Gläubigen geht ihm dabei ab. Wäre Psychiatrie Politik, würde ich ihn irgendwo zwischen FDP und den Jusos einordnen. Begeistert – oder zumindest mit ehrlichem Enthusiasmus – verordnet er mir weitere Präparate, die ich allesamt nicht nehme. Es ist nämlich echt und ganz wirklich nicht so eine super Idee, mit vielen verschiedenen Wirkstoffen zu ringelpiezen. Ein altmodischer Ansatz mit ausgedehnter Kennenlernphase bietet sich eher an.

Beim generellen Absetzen möchte mir der Coole lieber nicht helfen. Nicht, weil er so ein schlechter Mensch ist, denn das ist er ganz sicher nicht, im Gegenteil – er ist ein ausnehmend netter Psychiater. Ein so schrittweises Ausschleichen des Präparats hält er schlicht für überflüssig. Dass ich damit ganz andere Erfahrungen gemacht habe, will er ungern hören. Ich könne die Tabletten ruhig lebenslang einnehmen. Oder wenn ich partout nicht will, sie halt einfach weglassen. Aber das kann ich eben nicht, verdammte Scheiße, brülle ich ihn an, oder stopp: Ich brülle nur in meinem Kopf. In der Realität zucke ich resigniert die Schultern und wir schweigen uns ein bisschen an.

Weil ich so penetrant bin, erkläre ich ihm beim nächsten Mal meine Gründe: Hör mal, cooler Pulli, ich nehme den Kram schon seit vielen Jahren. Und ich weiß nicht mehr, wie ich eigentlich drauf bin. Oder war, oder sein könnte, wenn man mein Hirn nicht medikamentös verändert. Ich will wissen, was für ein Mensch ich bin – nur ich, ohne alles. Ich hab so eine Sehnsucht nach meinem Menschsein. Der Coole blickt mich mit freundlicher Akzeptanz an. Er begreift wahrscheinlich, dass meine Verzweiflung echt ist, aber er versteht sie nicht.

 

Meine Highlights:

Ich komme in die Sprechstunde, um dem Coolen zu sagen, dass ich schwanger bin. Erste Reaktion seinerseits: Er wird blass. Und rät mir dann, das Präparat sofort abzusetzen. Ich erschrecke fürchterlich.

Ich komme in die Sprechstunde, um dem Coolen zu sagen, dass ich schwanger bin. Zweite Reaktion seinerseits: Er fragt mich, ob mir der Kindsvater bekannt sei. Ich werde wütend.

Ich gehe abends mit meinem Freund M essen, und am Nachbartisch sitzt der Coole mit seinem Date. Ich setze mich mit dem Rücken zu ihm und flüstere den ganzen Abend, damit er mich nicht bemerkt. Mein Freund hält mich für bescheuert.

 

 

…und noch ein paar Worte:

Dieser Beitrag verdient ein bisschen Erklärung. Fun fact: Einige Leser*innen kennen den Coolen auch und sind sehr happy mit ihm. Das will ich keinesfalls in Frage stellen. Er ist wirklich ein ordentlicher Psychiater und wer will oder braucht, kriegt von mir seine Kontaktdaten per Mail. 

Und: Ich möchte wirklich, wirklich betonen, dass es absolut gerechtfertigt und in Ordnung ist, Medikamente zu nehmen. Mir haben sie anfangs aus einem schwarzen Loch herausgeholfen. Und dass man sie gar nicht mehr absetzen kann, ist kein Standard. Ich hab in der Hinsicht wohl einfach Pech, zu einer kleineren Minderheit zu gehören. Dennoch solltet Ihr niemals Euer Präparat einfach weglassen oder beim Absetzen hastig vorgehen. Das ist eine verdammt schlechte Idee. 

Das ist der vorerst letzte Beitrag aus der Behandler-Reihe. Ich war seit fast vier Jahren bei keinem Psychiater mehr, und über meinen langjährigen Therapeuten schreibe ich hier vielleicht gar nichts. Mal sehen.

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12 Gedanken zu “Behandler: Der mit dem coolen Pulli.

  1. He! Ho! Ein Baby! Kein Baby?! Doch?! Ja/nein/vielleicht?! Bitte zutreffendes ankreuzen und ja, ich hätte eh keine Fluppen mehr zum Teilen in der Tasche. Aber wir könnten jetzt glutenfreie, laktosefreie, Vegane Rezepttipps teilen (weint leise in die Tastatur) und ja, die Zukunft liegt rosig vor uns. Du schaffst das mit dem Reduzieren! Wenn das für Dich Dein Weg ist, machst Du das und schaffst das. Ich glaube daran, dass Du am besten weißt, was für Dich passt. Du bist Expertin in Sachen Liz.

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    • Das Baby wird ja bald 4, ein neues muss nicht sein. Also theoretisch hätte ich gern mehrere Kinder, aber praktisch übersteigt das meinen Machbarkeitsrahmen. Lieber eins also nicht allzu schlimm verkorksen.

      Das mit dem Reduzieren ist einfach so unglaublich schwer. Bei mir. Muss nicht jeder_jedem so gehen, aber irgendwie hab ich da biochemisch Pech gehabt und es ist unheimlich zäh. Zwischendurch denk ich immer, ich lass es vielleicht doch sein.

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  2. Ich kenne aus entfernteren Kreisen Leute die mit einer Nagelfeile die Tabletten um millimillimilligramm abgeschliffen haben, um so das ausschleichen selber hinzubekommen-da die psychatrie darin keinen bedarf sah, naja man übernimmt halt verantwortung für sich selbst, das ist ja auch nicht so schlecht

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    • Ja genau,anders geht das Ausschleichen kaum. Ich mache das mit der Wasserlösemethode – wie ist im Grunde egal, Hauptsache, man kann sehr sehr genau und schwankungsfrei dosieren.

      „Ausschleichen“ ist in psychiatrischen Kreisen sowas wie 20mg-10mg-5mg-0mg im zwei Wochen Rhythmus, aber ich kenne genau eine Person, bei der das so funktioniert hat.

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  3. Interessant.
    Ich hab versehentlich nebenbei eher per Hauruck abgesetzt – und der Coole war bei meinem Geständnis etwas entsetzt und erklärte, wie wichtig gezieltes Ausschleichen sei und dass meine Methode (die keine Methode war, sondern Schusseligkeit) doch recht riskant war.

    2016/17 trug er eher Hemden als Pullis, glaube ich mich zu erinnern.

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      • Das weiß ich bis heute nicht, wieso er das fragte. Ich war aber auch total defensiv-wütend, indem ich ihm schnaubend erklärte, dass ich mirakulöserweise verheiratet sei UND meinen Ehemann ganz gut kenne. Dazu hat er dann nichts gesagt außer „Ah, gut“, und wir haben das Thema beide nicht mehr angesprochen. Das war irgendwie awkward, er war glaub ich auch überfordert in dem Moment, ich auch. Ärzt*innen sind halt auch nur Menschen mit teils komischen Anwandlungen.

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    • Das ist super zu hören, ganz ehrlich. Also das mit den Pillen, nicht mit den Pullis. Vielleicht hat er in der Zwischenzeit einige Patient*innen gehabt, denen es ähnlich ging wie mir, und entsprechend seine Überzeugungen angepasst. Ich war 2012/2013 bei ihm, da trug er immer so nen Pulli, der nach Jil Sander aussah.

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      • Er trägt aktuell im Winter Pullover. Und zwar lila mit Zopfmuster.
        Dieser Pulli sprang mir ins Auge, als ich ihm vom Warte- ins Sprechzimmer folgte, und ich musste in dem Moment sehr breit grinsen, weil ich an Deinen Beitrag hier denken musste. Ein Lächelrudiment war noch übrig, als ich mich setzte; vielleicht interpretierte er es als Wiedersehensfreude. Jedenfalls grinste er zurück.
        (Genau, ich hatte jetzt leider Anlass, den Coolen wieder aufzusuchen. Er lag mir bereits beim Wiederverschreiben des Antidepressivums in den Ohren damit, beim nächsten Absetzen in einem halben Jahr oder so bitte ordnungsgemäß brav auszuschleichen und da nichts zu riskieren. Nun erstmal ein- statt ausschleichen. Samt nächtlicher Schlaflosigkeit.
        Jedenfalls bin ich stolz, dass ich diesmal wachsam war und schneller reagierte, als ich schattenbedingt fröstelte.)
        Mal schauen, was modisch Ende Februar los ist.

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      • Das tut mir leid zu hören. Der lila Pulli verführt mich fast dazu, ihn wieder aufzusuchen, einfach für einen netten Plausch. Habe mir aber auch schon überlegt, ob ich ihm nochmal meine Erfahrungen mit dem Medikament schildern soll, damit er bei anderen Patient*innen drauf achten kann, wenn sie damit Probleme bekommen.

        Ich hoffe, das Medikament hilft Dir schnell! Und ja, bitte brav ausschleichen. Nach einem halben Jahr könnte das ganz gut gehen, in 10%-Schritten alle 4-6 Wochen. Wenn Du dann merkst, dass Deine Symptome zurückkommen, ist das vom Absetzen und bedeutet, dass Du noch langsamer vorgehen solltest. Das ist eine paradoxe Reaktion, kommt aber ganz oft vor.

        Ich spreche aus sehr leidiger Erfahrung, denn ich bin seit 10 Jahren auf Pille und mein Körper ist leider schwer abhängig davon. Deshalb wiederhole ich bei allen Gelegenheiten: Seid achtsam beim Absetzen, und Augen auf bei Absetzsymptomen. Derzeit gehe ich davon aus, dass das komplette Absetzen bei mir noch 3-4 Jahre in Anspruch nehmen wird. Kein Witz. Echt nicht. Daher: Der Coole hat recht 🙂

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  4. Das es keine Absetzt Erscheinungen gibt hat man mir auch gesagt — völliger Quatsch! Ich hatte auch welche – phasenweise ein „Wummern im Kopf“ Ich habe auch nach Bauchgefühl abgesetzt und zum Schluss noch die Viertel Tablette mit dem Tabletten Teiler zerkleiner. Es hat bei mir ca 6-8 Wochen gedauert bin es vollkommen weg war.
    Viel Kraft ❤️
    LG von Canomis

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    • Puh ja, bei mir dauert das nun schon Jahre, inklusive einiger gescheiterter Versuche. Derzeit rechne ich damit, bei dem Tempo noch etwa 2 Jahre zu benötigen. Ich schätz mal, ich bin einer der extremeren Fälle.

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