Behandler: Der Gläubige

Der Gläubige hat seine Praxis nah bei meiner Wohnung. Das ist gut, weil ich dann im Notfall schnell nach Hause rennen kann (ja, im Wortsinn). Schnell nach Hause zu rennen, ist meine geheime Superkraft in diesen Tagen. Alle Orte, von denen aus ich nicht nach Hause rennen kann, besuche ich nicht. Oder nur unter allergrößter Anstrengung. Jedenfalls ist der Gläubige ein Facharzt für Psychiatrie und soll mir bei der Feinjustierung des Medikaments helfen, das mir der Hausarzt in einem Anfall von Übermut verschrieben hat. Bevor jemand denkt, es ginge jetzt irgendwie um Gott – es geht nicht um Gott, aber dazu gleich.

Der Empfangsbereich der Gläubigenpraxis dient ganz offensichtlich dazu, Patientinnen Demut einzuflößen. Der Tresen ist auf eine subtile Weise zu hoch. Gerade so hoch, dass ein normal großer Mensch gullivermäßige Gefühle bekommt, aber nicht erklären kann, wieso. Dahinter sitzen zwei Mitarbeiterinnen, ebenfalls leicht erhöht. Hier wird ein architektonisches Machtgefälle geschaffen. Eine Trutzburg sei unsere Rezeption, wird der Gläubige beim Einzug mit kippender Stimme gerufen haben. 

Hinter den Schießscharten hat der Chef zwei echte Schmuckstücke platziert. Ehrlich, ich bin in meinem Leben keinen hasserfüllteren Arzthelferinnen begegnet. Eine ist sehr jung, die andere wäre es gern. Beide sind in Tonfall und Mimik verächtlich. Es ist leicht, sich das einzubilden. Vor allem, weil in der Gläubigenpraxis ja nur Geisteskranke verkehren, oder etwa nicht?

Hier die Fakten: Das Oeuvre der Helferinnen reicht von zehnminütiger Ignoranz bei der Anmeldung (kein Witz! Ich dachte schon ich sei unsichtbar oder in einem Traum) über das zwanzigminütige abrupte Verschwinden im Pausenraum, während ein weiterer Mensch vor dem Tresen wartete (Zigarettenrauch und Kichern aus dem back end), bis zum gerade noch hörbaren Lästern über an- und abwesende Patienten (unbehagliches Schweigen und verstohlene Blicke im Wartezimmer).

Irgendwann werde ich aufgerufen. Zu spät für die Helferinnen, denn in der Zwischenzeit habe ich ihre macchiavellischen Machenschaften durchschaut. Durch einen stockdunklen, aber zum Glück kurzen Flur betretet ich ein knallhelles Sprechzimmer. Vielleicht fühlt es sich ähnlich an, kurz bevor man geboren wird. Der Mann hinter dem Tisch seufzt, als er mich sieht. Ich fühle mich auf der Stelle schuldig, weil ich so eine Zumutung für sein leidgeplagtes Medizinerhaupt bin. Dabei kennt er mich noch gar nicht. Ich schildere mein Problem: Die Medikamente wirken nicht mehr so richtig. Das kann nicht sein, sagt er. Und ob die wirken! Die wirken sehr zuverlässig! Ich wende ein, dass ich meine Stimmung eher so semi ist und ich Schlafprobleme habe und schon wieder von überall schnell nach Hause rennen will.

Kleinigkeiten, leicht zu beheben, sagt er wegwerfend und rückt seine Altmännerbrille zurecht. Das sei ja nun nicht die Schuld des Präparats (Spoiler: doch). Einfach noch etwas Lithium dazu, und ein Schlafmittel und ein Benzodiazepin für akute Situationen. Er tippt eifrig in seinen Computer und murmelt dabei die Produktnamen vor sich hin wie ein Betender. Er glaubt an den Kram, wird mir klar. Er glaubt an die Segnungen der pharmazeutischen Psychiatrie, sie ist sein Alpha und sein Omega. Ist Bezugsrahmen und göttliche Instanz.

Ich könne die Tabletten doch probehalber mal reduzieren, flüstere ich ganz vernünftig. Ich glaube nicht, dass ich sie unbedingt brauche. NEIN, das ist eine GANZ schlechte Idee, poltert der Gläubige, ich müsse vielmehr NACHGEBEN! Die Medizin ihre WIRKUNG tun lassen! Nicht so viel nachdenken, VOR ALLEM nicht nachdenken! Die Empörung setzt seinen kleinen faltigen Körper für einen Moment unter Strom. Dann atmet er aus. Er sähe mir das an, dass ich zu viel denke, fügt er versöhnlich hinzu. Das täte mir nicht gut.

Das opulente Rezept wartet am Empfang auf mich. Die Arzthelferinnen feilen ihre Krallen. Hinter ihnen ein rötliches Leuchten, oder vielleicht bilde ich mir das nur ein, schließlich bin ich verrückt. Ich hole meine Jacke, nicht aber das Rezept, und renne nach Hause.

 

Meine Highlights:

Die eine Arzthelferin klemmt sich den Finger im Locher ein.

 

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20 Gedanken zu “Behandler: Der Gläubige

  1. Gott sei dank ohne Rezept, Nicht zu glauben, dass irgend ein Arzt noch Benzos verschreibt, die fast so süchtig machen wie Heroin. Kenne ähnliche Geschichten von Psyhiatern , die den Menschen nicht sehen und Nur schnell Rezepte aufschreiben. Die asymmetrische machtBeziehung wird in solchen Praxen immer schnell deutlich. Selbstbestimmung oder Befragung FehlAnzeige. Gut, wenn man selber einen Job kündigen muss und um nicht in die Sperrzeit zu kommen ein psychiatrisches Attest braucht, denn so bekommt man als „gesunder Mensch“ (was ist das) sofort eine psychiatrische Diagnose. Schlecht für die, die andere Hilfe brauchen.

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    • Ich bin auch immer wieder sehr überrascht, SEHR, dass Psychiater so begeistert Medikamente verschreiben. Ich möchte gar nicht mal sämtliche Medikamente grundsätzlich verteufeln, aber die fachärztliche Experimentierfreude verschlägt mir zuweilen die Sprache.

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  2. Klingt gruselig.
    Falls Du Interesse haben solltest an einem guten Psychiater, melde Dich. Meiner ist super. In Neukölln.

    Er hat mich im Wartezimmer abgeholt, beim ersten Gespräch lange zugehört, gute Fragen gestellt, war anscheinend an MIR interessiert – was ist mit diesem Menschen los, was könnte helfen? War zugleich sachlich und zugewandt, konnte mit meinen Tränenfluten gut umgehen und machte gute Vorschläge, „wie wir vorgehen“, fragte, was ich davon halte – ich fühlte mich ernstgenommen.

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  3. Herrschaftszeiten, bei sowas werde ich immer ärgerlich. Der ganze Laden scheint ein paar Jahrzehnte zu spät dran zu sein, oder? Können die nicht besser? Sind die so verknöchert, dass das nicht anders geht? Oder ist das Kalkül, dass sich möglichst viele Patienten zusammenreißen und entdecken, dass sie doch, ahem, gesund sind? Es schüttelt mich…

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    • Der Laden ist echt die Hölle. Ich hab schon ne Handvoll psychiatrische Praxen gesehen, und die hier war mit Abstand die schlimmste. Ganz ehrlich, wer dort regelmäßig hingeht, ist vermutlich meilenweit von jeglicher Genesung entfernt. Das Gefühl, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, schleift sich tief ein bei so einer „Behandlung“.

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      • Die Gestaltung der Praxis mag Zufall sein – zu dunkler Korridor, zu helles Behandlungszimmer. Aber das geschilderte Benehmen der Sprechstundenhilfen sollte der Chef doch in den Griff kriegen können – so geht man nicht mit Leuten um. Nicht mit Kunden, nicht mit Patienten und schon gar nicht mit Leuten, die schon reichlich lädiert dort ankommen. Wie unsensibel kann man denn sein? Absicht mag ich aus der Ferne nicht unterstellen, jedenfalls beim Herrn Doktor selbst nicht, eher Unfähigkeit in Sachen Arbeitsorganisation und Menschenführung. Warum werden solche Leute nicht Sachbearbeiter?

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  4. Oh, ich muss tatsächlich nochmal kommentieren heute. Habe bis vor kurzem in Berlin gewohnt und war dort auf Empfehlung bei einem Psychiater, den ich echt gut fand – habe ihn auch einer Freundin empfohlen, die ähnliches wie oben geschilderten Mist in einer anderen Praxis erlebt hat, und sie ist seither auch dort und zufrieden. Auch Neukölln, Sonnenallee, Name des Praxisinhabers endet auf y und er ist bei Jameda sehr gut bewertet.

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      • Das hast Du mir ja geschrieben; schade, dass Du bezogen auf den genannten Aspekt mit ihm nicht zufrieden warst bzw. an seiner Fachkompetenz zweifeltest.
        Jeder hat halt seine Schattenseiten, auch (gute) Psychiater. 😉

        Ich bin schon gespannt auf Deinen Beitrag über ihn.

        Ich mochte seinen Humor, ich hab da oben im Dachgeschoss nicht nur viele Tränen vergossen, wir haben auch einige Male sehr miteinander gelacht. Galgenhumor ist mein Spezialgebiet.
        Wenn es in mir mal wieder dauerhaft dunkler werden sollte, weiß ich, an wen ich mich wenden kann. Ich habe ihn auch schon mehreren Leuten weiterempfohlen, auch einer, die ich im Ehrenamt im Hospiz kennenlernte.
        Im Psychotherapiekontext hab ich ein paar recht seltsame Erstgespräche geführt, die ich sehr zermürbend fand, so dass ich eventuell ein bisschen nachvollziehen kann, wie anstrengend und entmutigend die Suche nach kompetenter Hilfe sein kann.
        Einen guten Jahresausklang Dir und Deiner Familie!
        Gruß: jule

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      • Ja – also wahrscheinlich ist er der beste Psychiater, bei dem ich je war. So rein menschlich, und ich mag den schon gern leiden. Es ist halt nur so, dass ich wie gesagt ein echt spezielles pharmakologisches Problem habe, das ist natürlich Pech (also für mich). Aber mittlerweile würde ich sagen, es ist auch nicht unlösbar, und ich habe mich in den letzten Jahren ziemlich weitergebildet, so in Eigeninitiative. Außerhalb der Medikation brauche ich im Grunde gar keinen Psychiater, auch wenn ich mich ebenfalls gern mit ihm unterhalten habe. Unstimmigkeiten darf man ja dennoch haben.

        Mittlerweile habe ich aber seit einigen Jahren einen wirklich guten Therapeuten, dem ich sehr (sehr!) vertraue. Da hatte ich echt Glück.

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  5. Pingback: Behandler: Der mit dem coolen Pulli. | schattentiere

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