Same same but divergent.

Dass ich anders bin, wusste ich schon mein Leben lang. Diesen Satz habe ich auf meiner Großen Unendlichen Suche so oft gelesen; er läuft im inneren Spracharchiv fast unter „Klischee“. Aber er stimmt ja dann doch. Meine frühesten Erinnerungen drehen sich darum, die Welt im Kern nicht zu begreifen. Vor allem die Menschen darin nicht. Warum setzen sich die anderen Kinder bei der Erzieherin auf den Schoß? Warum sagen die „Tante Martina“ zu ihr, die ist doch gar nicht unsere Tante? Warum machen die ständig Dinge, die ich gar nicht verstehe? Und wie sind die Regeln dafür? Wie sind die VERDAMMTEN REGELN!? Okay – verdammt habe ich mit drei Jahren nicht gedacht. Der Grundtenor stimmt allerdings. Weiterlesen

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Wasserstandsmeldungen.

Der Akku vom Laptop hat nur noch 27%. Muss mich beeilen. Könnte ja auch das Kabel holen, aber so ernst ist es mir nicht. Es lungern halt Sätze in den Katakomben herum, die ich in die richtige Reihenfolge bringen muss. Das geht in der Regel nur schriftlich – sitzt mir ein Mensch gegenüber, das müsstet ihr mal erleben, dann radebreche ich um meine Gedanken herum, dass es nur so kracht. Sprachlich bin ich ein Pinguin und die direkte Konversation ist mein Landgang. Weiterlesen

Superscheißige Tage.

Ich warte, wieder einmal und wieder so lange. Auf eine nagelneue und wirklich wahre Diagnose, einen Schlüssel zu meinem Anderssein, auf Zahlen, die die Punkte in mir endlich zu einem Bild verbinden. Lustigerweise überrascht mich das selbst am meisten, denn ich habe nun weiß Gott keine weitere Diagnose gewollt. Eher andersrum: Ermüdet haben sie mich, die Schubladen und Stempel, von denen ich so viele habe und doch keins so hundertprozentig passen mag.

Und dann sagt Freundin L. plötzlich so einen Satz – noch einen – verknüpft behutsam einige Merkwürdigkeiten zu einem Fragment. Andere Puzzleteile rutschen mit Getöse an ihren Platz. Willst du mehr wissen, fragt Freundin L.

Ich will. Ich will immer mehr wissen, es ist ein Segen und ein Fluch. Weiterlesen

Can’t stand losing.

Guguck, ruft das Schattentier, da bin ich wieder.

Ach, bitte nicht, sage ich.

Ist aber Zeit, lächelt das Schattentier mit seinem unsichtbaren Lächeln. In dieser Hinsicht ist es das Gegenteil der Grinsekatze.

Ich habe das möglicherweise kommen sehen. Möglicherweise habe ich zu viel gearbeitet. Möglicherweise habe ich wieder gar keine Pausen gemacht und keine Schwächen erlaubt und keine Deadline um keinen Millimeter verschoben. Möglicherweise habe ich die Einschläge ignoriert, die näher kamen, und bin mit offenen Armen auf der Straße gekreiselt, statt Schutz zu suchen wie jeder normale Mensch. Weiterlesen

Kaleidoskop, Einstellung 0910.

Heute morgen ging ich zur Apotheke, das mache ich immer, wenn ich akutes Selbstmitleid habe. Apotheken trösten mich, weil ich quasi in einer aufgewachsen bin. Der Geruch zwirbelt sich direkt in meine Synapsen. Aber ich wollte was anderes sagen. Auf dem Weg dahin sah ich einen mittelsuspekten Typen, der in einem Hauseingang saß und irgendwas trank. Unspektakulär in meiner Nachbarschaft.

Als ich aber aus der Apotheke kam, hörte ich infernalisches Gebrüll, bog um die Ecke, und da: Eskalierte der Kerl im Hauseingang herum, während eine aufgebrachte Frau im Hausflur ihm zurief, er solle sich jetzt mal verpissen. Darauf reagierte er natürlich gar nicht gut und wollte auf die Frau losgehen. Die knallte die Tür zu. Zwei Männer mischten sich zaghaft ein. Der Eskalator bedrohte abwechselnd die geschlossene Haustür und die beiden Typen, sehr aggressiv und sehr laut, aber mit einem seltsamen Rest an Selbstbeherrschung. Und ich? Wechselte die Straßenseite. Männliche Wut macht mir große Angst. Aber dann sah ich, dass der eine Mann ein kleines Kind dabei hatte und ging zurück, um es zur Not in Sicherheit zu bringen (das klingt dumm, aber es ist nun mal das, was mir als erstes einfiel. Die Mutterrolle währet ewiglich).

Als ich ankam, ergriff der Eskalator gerade brüllend und gestikulierend die Flucht. So könne man nicht mit Menschen umgehen, kreischte er und warf seine Flasche an die Wand. Das sei respektlos! Plötzlich tat er mir leid. Weil ich weiß, wie schmerzhaft eine so große Wut werden kann.

Kaleidoskop, Einstellung 0510.

Was man ja nicht weiß, ist: Ob die anderen wirklich so aufgeräumt sind. Ich schaue mich um und sehe Menschen, die solide in ihrem Leben herumschreiten. Kein Drama an der Oberfläche. Zufriedene kleine Maschinen, die zuverlässig Kreise ziehen. Die steigen in Bahnen und wohnen einem Meeting bei, einfach so! Schlendern vor aller Augen zum WC und stolpern über Kopfsteinpflaster, ohne rot zu werden. Ganz zufällig ertappe ich mich selbst von außen und erblicke: nichts. Keine Unruhe, keine Milchstraßen aus Gedanken, keine nachtschwarze Wolke über dem Schädel. Ich sitze da und arbeite. Ruhig, konzentriert, ein stiller Teich. So trügerisch, dieser zufällige Blick in reflektierende Fenster. Was die anderen wohl sehen, wenn sie sich in Oberflächen spiegeln?

 

 

Helium.

Wir sprachen ja neulich über das Frohsein.

Ich bin also ein lustiger roter Luftballon am spinnwebnen Faden. Wehe, wenn er reißt – aber wir denken doch jetzt nicht an Risse. Tanzen lieber auf dem Wind, oh so federleicht. Die Leute gucken, weil ich dieser fröhliche Kreis bin, ein kleines bollerndes Kraftwerk mit Fenster auf. Sperrangelweit. Das sind die anderen Tage. Weiterlesen