Schweigeminute.

Zwei Wochen lang war ich fast vergnügt. Es macht mir Freude, das zu aufzuschreiben: vergnügt. Das Wort erinnert mich an dieses still-fröhliche Emoji mit den roten Bäckchen. Was das jetzt über mich sagt – ich will es gar nicht wissen. Wobei es ein bisschen traurig ist, mich sofort dafür zu entschuldigen, wenn ich vage Dämliches formuliere. Stimmt aber: Das Schreiben fällt mir derzeit sehr schwer, eben aus diesem Grund. Die innere Kritikerin kommt aus dem Stirnrunzeln nicht mehr heraus, zieht die Brauen hoch – oder schlimmer, nur eine – und gibt abfällige kleine Geräusche von sich. Ich zwinge trotzdem ein Wort nach dem anderen aus seinem Versteck. Schließlich mache ich das hier nicht aus Wettbewerbsgründen, und das ist natürlich eine weitere Lüge.  Weiterlesen

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Memento Mori.

Es ist Frühling, und da denke ich an den Tod, wie jeder normale Mensch.

In der Blüte steckt schon das Welken, und das ist gut und richtig so, ich befürworte das. Trotzdem fällt mir täglich ein, dass ich bald 40 werde. Jesses, wie banal. Und komisch, wie mich das überrascht, dabei hätte ich immer behauptet: Sie stört mich gar nicht, die 40. So lange hat es schließlich gedauert bis hierhin.

Und jetzt doch die Panik – schnell, mach hinne, Dein Leben ist in zwei Sekunden vorbei, was ist nun mit all den Träumen? Wo ist das offene Haus voller Freunde, wieso parkt der Bulli immer nur vor der Haustür und nie am Atlantik? Was ist mit dem letzten Schluck Rosé im Morgengrauen, wo sind die Küsse und der Wind im Haar, wo das Risiko und das Springen und das Fallen? Wenn jemand das Zaudern perfektioniert hat, dann bin ich das.  Weiterlesen

Wütend, so sehr.

Heute Nacht träumte ich, ich hätte eine Bäckereifachverkäuferin aus vollem Hals angebrüllt. Weil sie unentschlossen, bösartig und nervig war. Und vor mir schon ein seltsam alternatives Paar in der Schlange stand, das ebenfalls unentschlossen, bösartig und nervig war. Da hatte ich im Traum absolut keine Geduld mehr, stattdessen eine unglaubliche Wut. Die Wut baut sich langsam auf, erst ein Zittern unter der Oberfläche, das ist das Seebeben, und dann zieht der Blick alle Energie von außen nach innen, das ist der Sog, der dem Tsunami vorausgeht. Kurz liegt das Wesentliche frei, das früher war, und dann wirft sich diese gigantische schwarze Welle über alles, was ich heute bin. Träumend schreie ich mich besinnungslos, rot sehend im Wortsinn, aber die Wut will nicht nachlassen. Es ist immer noch Kraft übrig, und dann noch mehr.  Weiterlesen

When you find yourself in a hole, stop digging

Amiright? AMIRIGHT??? Tja, aber wenn das nun so einfach wäre. Ich hab da kein Händchen für, ich grabe mit Begeisterung weiter an dem Loch herum. So lange, bis ich kein Tageslicht mehr sehe. Gut, Begeisterung ist übertrieben – nennen wir es lieber: Besessenheit. Eine halb verheilte Wunde, die schon puckert vom dran herumpulen, aber Du kannst einfach nicht aufhören, und irgendwann blutet es dann doch und vernarbt ganz hässlich.

An dunklen Tagen brauche ich eigentlich einen Exorzisten (der Gedanke sagt mir spontan zu, ich hätte wirklich SEHR gern einen Exorzisten, aber meine Krankenkasse wird keinen zahlen wollen).  Weiterlesen

Kaleidoskop, Einstellung 1812.

Bis zu den Knien im Morast, und dann so: schlerf, das eine Bein rausziehen, und: schlerrrfff, das andere. Und dann merken, scheiße, so funktioniert das nicht. Dauernd hängt mir was am Bein, zieht mir die Mundwinkel runter und das Herz in die Magengrube. Verdammter Dezember, der. All die Menschen sollen echt weggehen, ja, weg. Oder wenigstens nicht glotzen. Der Blick, meiner, ist wieder so wund geworden und kann nichts Schönes betrachten, ohne dass es schmerzt.

Das klingt irgendwie schlimm, aber es ist möglich, sich an solche Wüsten zu gewöhnen, sofern man denn nicht drin verreckt. Weiterlesen

Alle Jahre wieder.

Ich mag den Advent. Das behaupte ich jedes Jahr und glaube mir. Die Gerüche, die Geschmäcker, die Gemütlichkeit. Kirchenglocken läuten ihre Versprechen in die Dunkelheit. Die Hoffnung auf den ersten Schnee, auf dass er die Wunden der Stadt mit Licht verhüllen möge. Ende November habe ich eine Liste im Kopf: Yogastunden, Plätzchenrezepte, freundschaftliche Einkaufsbummel, karitativer Weihnachtsmarkt und Strick und katerfreier Glühweingenuss, das will ich alles. Dezember ist ein Lichtermeer, steht in einem Kinderbuch meiner Tochter, und ich nicke begeistert und sage, ja genau. Dann wird alles ganz anders. Komisch, dass mich das alle Jahre wieder überrascht.

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